• Leah Hasjak

Buffy. Die Eine.

Aktualisiert: 27. Juni 2019


Ein junges, blondes Mädchen von zarten fünfzehn Jahren läuft Nachts durch eine dunkle, verlassene Gasse. Sie sieht sich etwas unsicher um, mal rechts, mal links. Wer würde sich an ihrer Stelle nicht fürchten, so ganz alleine, unschuldig und hilflos zu später Stunde, keine anderen Menschen weit und breit, die zur Hilfe eilen könnten, würde sie überfallen oder bedrängt. Ein geheimnisvoller Fremder hat sich an ihre Fersen geheftet und folgt ihr. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass diesem zarten, blonden Geschöpf Gefahr droht. Doch der Verfolger verliert ihre Spur, beinahe ist es, als wäre sie vom Erdboden verschluckt. Für einen kurzen Moment hofft man, sie habe sich in Sicherheit gebracht und er würde weiterziehen, seine Jagd aufgeben. Doch sie ist noch da. Sie schwebt über ihm, wartend im Handstand auf einer Stange, die drei Meter über dem Boden zwischen den Wänden der Gasse angebracht ist. Als er sie passiert, schwingt sie sich von der Stange, landet geschickt und gekonnt hinter ihm und nutzt seine Überraschung aus, um ihn gezielt außer Gefecht zu setzen.

Nichts ist, wie es scheint. Der Jäger ist der Gejagte und die Gejagte ist der Jäger. Sie ist die eine, die Auserwählte. #BuffySummers heißt die Kleine und ihr Verfolger ist ein Vampir. Anders als erwartet jedoch schreit, weint und bettelt sie nicht. Nein, sie kämpft, flucht und witzelt herum.


Lieber Leser, abgesehen von einer kleinen Lobeshymne über die #Serie „Buffy the vampire slayer“, dreht sich dieser Text um eine feministische Perspektive auf Rollen- und Machtverteilung im #BuffyUniversum.


Achtung: Massive Spoiler.


Es war einmal, vor langer, langer Zeit, in einer Zeit, älter als das Wort, eine Welt voller von Dämonen und dunklen Wesen. Sie verbreiteten Furcht und Dunkelheit und quälten die hilflosen Menschen. Schließlich beschlossen drei weise Männer, die Dämonen zurückzudrängen und stahlen ihre Kräfte, um sie auf ein junges Mädchen zu übertragen. Von nun an wird in jeder Generation eine Jägerin geboren, sie ist auserwählt gegen das Böse zu kämpfen, sie ist #dieJägerin.

Nach vielen hunderten, kurzen, kampfreichen jungen Mädchenleben tritt nun Buffy dieses Erbe an. Sie, die beliebt war, die Cheerleaderin war, die Geschichte und Mathe hasste und sich über nichts anderes, als Haare und Make-Up Gedanken machte, wie jedes andere Standard-Serien-Teenie-Mädchen auch, ist nun, plötzlich und ohne Vorwarnung, in der Pflicht, Vampire zu jagen, Dämonen zu bekämpfen und Apokalypsen zu verhindern. Buffy tut, was getan werden muss. Sie murrt, bedauert und ist frustriert, doch sie erfüllt ihr Schicksal. Dass sie viel Macht hat, stark ist, schnell heilt, austeilen und auch einstecken kann, ist äußerst hilfreich bei der Jagd auf das Böse. Buffy ist der Superpredator unter den Predators. Doch nicht ihre Kraft ist ihre wahre Stärke, nicht ihre Körperbeherrschung oder ihr Instinkt. Nein, es sind ihre Freunde, ihre Familie. Buffy hat etwas, wofür es sich wahrhaftig zu kämpfen lohnt. Sie hat ein Leben. Anders als die Jägerinnen vor ihr, anders als Kendra schottet sie sich nicht ab, lebt sie nicht nur für Kampf und Tod. Sie will mehr, als nur eine Bestimmung, mehr als nur endlosen Krieg. Gerade deshalb kämpft sie mit unglaublicher Verbissenheit, mit einem Siegeswillen, den keine Jägerin vor ihr an den Tag legen konnte. Nicht nur ihre Kräfte sind eine Waffe gegen das Böse, sondern auch ihre Familie und Freunde. Wie hilfreich und bedeutend Buffys Clique für sie wird, wird im Laufe der Geschichte immer deutlicher. Buffy stirbt im Kampf gegen den Meister, doch sie hat #Xander, der sie trotz eigener körperlicher Unterlegenheit unterstützen und retten will und es schließlich schafft, sie wiederzubeleben. Als der Bürgermeister sich erhebt und die ganze Sunnydale-High verspeisen will, sind ihre Freunde an ihrer Seite und bekämpfen gemeinsam mit ihr den Wurm aus der Tiefe, zu dem er sich verwandelt hat. Auch, als die eitle, selbstverliebte und unglaublich nervige Göttin Glory Buffys kleine Schwester bedroht, sind sie wieder, Schulter an Schulter mit ihr, dabei. Sie holen sie, durch alle metaphysischen und magischen Grenzen hindurch, als sie zum zweiten Mal stirbt, zurück ins Leben. Sie kämpften gemeinsam gegen Vampire, böse Jägerinnen, verrückte Nerds, Sekten, Flüche, Frauenfeinde, das Ur-Böse und Tanzdämonen und auch – vorallem – gegen sich selbst. All das macht Buffy großartig: Die tollen Charaktere und ihre wunderbare Entwicklung, die witzigen, traurigen und schönen Folgen und die zauberhafte, grenzenlose Welt. Doch noch mehr schätze ich Buffy, abgesehen von den eben erwähnten Gründen, um ihrer Selbst willen. Buffy ist eine Frau mit Macht. Diese Macht ist so selbstverständlich ein Teil von ihr, das keiner sie jemals in Frage stellt oder anzweifelt. (Wichtig ist, zu verstehen, dass es sich um eine andere Art von Macht handelt, als die vom gesellschaftlich gängigen Begriff gemeinte. Die Macht, um die es hier geht, ist keine Macht über Menschen, die in Form von Herrschaft ausgeübt wird, sondern eine besondere Stärke, eine Gabe ähnlich der von Superhelden)

Sie ist die eine. Punkt. Ihre Gegner sind oft männlich, aber genauso oft weiblich (Faith, Willow, Glory, Darla, Drusilla, Faith etc.). Ich kenne keine einzige Serie, in der am Ende ein mächtiger weiblicher Hauptcharakter einem ebenfalls mächtigen weiblichen Gegenspieler gegenübersteht (Faith in Staffel 3, Glory in Staffel 5, #Willow in Staffel 6). In Buffys Welt verschwimmen die Grenzen zwischen den Geschlechtern, die Grenzen zwischen Gut und Böse und die Grenzen zwischen #Realität und #Fiktion. Buffy hat viele Wandlungen durchgemacht und einiges an Erkenntnissen gewonnen. Was viele erst in Soziologie-Vorlesungen lernen, lernt sie durch Erfahrung und Analyse. Macht ist etwas, was Menschen über einen haben, weil man sie ihnen gibt. Man tut es aus Furcht, Hoffnung oder dem Bedürfnis, geführt und geleitet zu werden. Macht hat mein Gegenüber nur dann über mich, wenn ich es zulasse.

Wie äußert sich nun Macht in einer Welt, wo jeder mächtig und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet ist? Sie äußert sich genauso, wie in in unserer Welt. Ein paar Beispiele zu Machtverhältnissen in Hinsicht auf Geschlechter oder Institutionen: Kurz bevor Buffy ihre letzte Schlacht gegen eine riesige Vampirarmee antritt, kämpft sie gegen einen chauvinistischen, bigotten und dogmatischen Priester, der sie für das verachtet, was sie ist: Eine Frau mit Macht. #Caleb hasst Frauen. Sie sind für ihn lasterhafte, schwache, der Sünde ausgelieferte Wesen, die das Idealbild Mann schwächen, verführen und so ebenfalls zur Sünde verleiten. Nun gibt es sie, Buffy, die all das ist, was Frauen für ihn nicht sind: Stark, Stolz, Aufrichtig, eine geborene Anführerin, Leidenschaftlich. Sie ist nichts von dem, was sie seiner Meinung nach zu sein hat: Demütig, voller Ehrfurcht und Zurückhaltung, sich ihrer Sünden und Makel bewusst. Die erste Begegnung verläuft nicht gut für Buffy, Calebs angenommene Überlegenheit und seine herablassende Art verunsichern sie. Ihre Gegner hassten sie zwar stets, doch hatten sie trotzdem Respekt vor ihr und ihren uralten Kräften. Caleb ist anders. Sein Verhalten schwächt Buffy in ihrer Selbstwahrnehmung. Zum ersten Mal begegnet sie jemanden, der sie ganz auf das reduziert, was für sie nie zuvor problematisch war: Ihr Dasein als Frau. Dass Buffy ihn am Ende doch besiegt, liegt auf der Hand. Calebs größte Schwäche ist seine Arroganz, die ihn dazu verleitet, sich ihr überlegen zu fühlen. Er verliert den Krieg, bevor er ihn richtig beginnen kann.

Eine andere männliche Institution hatte bereits zuvor ähnliche Erfahrungen zum Thema Machtverteilung gemacht: Der Rat der Wächter. In der Tradition der drei alten Männer stehend, die der ersten Jägerin ihre Kraft verliehen, leitet und kontrolliert der Rat der Wächter seit Anbeginn der Zeiten die Jägerinnen. Ein seltsames, perfides und grausames Ritual soll sie zu ihrem 18. Geburtstag auf Herz und Nieren testen. Nicht, dass es bereits an ein Wunder grenzt, dass eine Jägerin die ersten Jahre überlebt. Sie soll auch noch, zusammen mit einem Vampir und ihrer Kräfte beraubt, in einem Haus gefangen gehalten werden. Ihr Ziel soll es sein, den Vampir zu töten. Ein unnötiger und gefährlicher Test, der nichts anderes sein soll, als die Bestätigung einer Institution, die einer Bestätigung bedarf. Dass Buffy diesen Schwachsinn nicht mitmachen möchte, sich hintergangen fühlt und berechtigterweise wütend ist, da neben ihr auch ihre Mutter durch diese Veranstaltung in Gefahr gebracht wird, ist verständlich. Anstatt jedoch zu schmollen, sich der Tradition zu unterwerfen und die Situation zu akzeptieren, kündigt sie den Rat der Wächter. Ihr wird klar, dass der Rat ohne sie nichts weiter ist, als ein Haufen alter Männer mit Büchern. Buffy hat die Macht, über die diese Männer verfügen wollen. Sie muss sie ihnen nicht geben. Sie will nichts vom Rat. Der Rat will etwas von ihr. Somit hat sie Macht auf zwei verschiedenen Ebenen: Nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Ich bewundere sie für ihren Mut, sich von alten und starren Konstitutionen zu lösen und sich zu emanzipieren. Ob Buffy nun im Auftrag der Wächter, oder auf eigene Rechnung das Böse bekämpft, ist im Endeffekt egal. Das Resultat bleibt gleich. Sie siegt. Die drohende Gefahr der Apokalypse ist ein weiteres Mal gebannt.

Wirklich aber liebe ich Buffy für einen Akt, der für mich, als sie ihn durchführte, so ungeheuerlich und unfassbar war, dass ich ihn noch Tage nach dem Ende der Serie nicht richtig begreifen konnte. Buffy ist es müde, alleine gegen das #UrBöse zu kämpfen. Sie will nicht mehr die alleinige Auserwählte sein. Die Last der Welt lastet immer schwerer auf ihren Schultern und so tut sie etwas, was niemand vor ihr getan hatte: Sie teilt ihre Kräfte. Sie, die eine, wurde eine unter vielen. Hunderte von Jägerinnen werden von Willow, einer mächtigen Hexe, beschworen. Wozu ehemals drei Weise nötig waren, genügte eine. Buffy gibt nicht auf, im Gegenteil, sie holt Verstärkung. Durch diesen besonderen Akt der Machtverteilung, der keine Umverteilung, sondern deren Gegenteil, #Machtakkumulation, ist, gewinnt sie die größte Schlacht ihres Lebens. Was für ein Lösungsansatz, was für eine geniales Finale. Bist du dem Problem alleine nicht gewachsen, akzeptiere es und hilf anderen, ebenfalls stark zu werden, damit ihr gemeinsam das Problem lösen könnt.

Buffy lebt vor, wie man mit gegebener Macht umgeht. Man lebt mit ihr, man nutzt sie, um das Böse zu bekämpfen, man lässt sich nicht manipulieren, man handelt selbstlos und ohne Missbrauch und wenn man merkt, dass die eigene Macht nicht mehr ausreicht, gesteht man auch anderen Macht zu, um mit ihnen gemeinsam für ein Ziel kämpfen zu können. Am Ende ist sie für mich dennoch die Eine. Die Jägerin. Was sie erreicht hat, die Schlachten die sie schlug, die Wege die sie ging, sind so einzigartig in der Fernseh- und Filmgeschichte, dass ich seitdem nichts vergleichbares mehr sehen durfte.

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