Prolog

 

Mykene, 09. August 1876

Mühsam schob der alte Charalambos Papadopoulos die volle Schubkarre den steinigen Weg hinauf. Die griechische Sonne brannte erbarmungslos auf ihn herunter, auf seiner Stirn glänzte der Schweiß. Er hielt inne, wischte sich mit seinem dreckigen Ärmel über das Gesicht und verfluchte den Umstand, dass eine Frau an der Ausgrabung teilnahm und sie alle gehalten waren, ihre Oberkörper aus Anstand nicht zu entblößen.

Das Hemd klebte an ihm wie eine zweite Haut und die Hose war von Staub und Dreck so steif, dass sie schmerzhaft an seinen Beinen rieb. Die undankbare Arbeit ärgerte ihn und die zweieinhalb Drachmen waren es nicht wert. Bei seinem Neffen verdiente er zwar weniger, musste dafür jedoch auch nicht so hart schuften. Charalambos bereute, dass er auf seine Brüder gehört und sich von diesem seltsamen kyrios Schliemann hatte anwerben lassen.

Mit resigniertem Blick zwang er sich weiter den kurvigen Anstieg entlang, den es zu erklimmen galt. Den Schuttwagen in dieser gleißenden Hitze über unebene, staubtrockene Wege bergauf zu schieben, war die reine Qual und nach dem dritten Mal taten jedem Arme, Beine und Rücken weh. Charalambos Papadopoulos war mit seinen fünfundfünfzig Jahren nicht mehr der Jüngste und die Strapazen der vergangenen Woche steckten ihm tief in den Knochen. Einmal mehr kam er zum Stehen.

Die kahle Landschaft flimmerte in der Mittagssonne vor seinen Augen. Kein Windhauch, der Bewegung in die vertrockneten Büsche und Bäume brachte und ihm wenigstens etwas Erleichterung verschaffte. Der Tag, der vor ihm lag, würde kein bisschen erträglicher werden als der vergangene.

Er hörte das Poltern eines Wagens, der sich ihm von hinten näherte. Trotzdem machte Charalambos keine Anstalten, seine Ladung Schutt auf dem engen Pfad weiterzuschieben.

Dimosthenis, ein junger Bursche aus dem Nachbardorf von Harváti, keine sechzehn Jahre alt und bereits jetzt stramm wie ein Baumstamm, hielt hinter ihm und wartete.

Vergeblich.

»Hey«, rief er schließlich. »Bewegste dich?«

Charalambos wandte sich gemächlich um, stützte sich auf seine Schubkarre und löste die Feldflasche von seinem Gürtel. Er trank, ohne sich vom genervten Stöhnen des Jüngeren aus der Ruhe bringen zu lassen.

»Weiter geht’s, alter Mann«, forderte Dimosthenis und lachte ihn an.

Der Junge meinte es nicht böse. Das wusste Charalambos und ärgerte sich doch über die freche Anrede. Das faltenlose Antlitz des Burschen, seine weißen Zähne, die dem Tabak noch unbeeindruckt trotzten, sein für das junge Alter viel zu breiter Nacken und der hohe Wuchs weckten Neid in ihm.

Ja, Charalambos neidete Dimosthenis die Jungend, die Kraft, die Sorglosigkeit und das fröhliche Wesen. Langsam, als hätte er alle Zeit der Welt, verschloss er seine Trinkflasche, drehte sich um und hob die Griffe des Wagens an, um ihn endlich den restlichen Weg hinauf zu hieven.

Es kostete ihn mehr Kraft als früher. Wein und Schnaps des gestrigen Abends setzten seinem seit Monaten nervösen Magen zu. Ächzend schob er den Karren unter Schmerzen Stück für Stück weiter nach oben. Langsam näherte er sich dem höchsten Punkt. Der Junge kicherte über die Anstrengung des Alten und beschrieb mit seinem Wagen ungeduldige Schlangenlinien hinter ihm.

Charalambos Papadopoulos‘ Wut stieg. Die Arbeit verlangte ihm zu viel ab, als dass er den Hohn der Jugend noch ertragen konnte. Aus Trotz blieb er erneut stehen und blockierte den Weg, als er oben angelangt war.

Doch diesmal ließ sich Dimosthenis nicht ausbremsen. Anstatt anzuhalten, polterte er über das Geröll neben dem Weg und überholte Charalambos.

Verärgert stellte dieser fest, dass der Wagen des Jungen anders als der seine nur zu zwei Dritteln vollgeladen war. Er fühlte sich übervorteilt. Konnte es richtig sein, dass er mehr leisten musste als dieses undankbare Kind?

Nein, konnte es nicht!

Er, ein alter, kranker Mann, von Leben und Unglück gezeichnet, nahm sich immer die schweren, bis über den Rand mit Schutt gefüllten Karren, benötigte dementsprechend länger für den kräftezehrenden Weg vom Löwentor zum Schutthaufen und wurde dafür zu allem Überfluss mit Spott anstatt mit Dank überhäuft.

Zorn flammte in ihm auf. Seine Finger krallten sich so fest um die Griffe der Schubkarre, dass es schmerzte und die Knöchel weiß hervortraten. Er presste die Zähne zusammen und fluchte innerlich.

Unerträglich war die Ungerechtigkeit des Lebens, kränkend die Respektlosigkeit der Jugend. Womit hatte er das verdient? War er nicht immer freundlich und rechtschaffen gewesen? Stets hilfreich und anständig? Hatte er nicht seine kranke Mutter gepflegt, seine Schwester in jungen Jahren aufgenommen, seinem Onkel in mehr als einer schweren Krise beigestanden? Auf eine eigene Familie verzichtet, weil seine Familie nicht auf ihn verzichten konnte?

Es ärgerte ihn, dass er immer für andere dagewesen war, sich nie um sich selbst hatte sorgen können und nun die Rechnung dafür bezahlte, indem er als einfacher Arbeiter unter widrigsten Bedingungen gezwungen war, sein tägliches Stück trockenes Brot zu verdienen. Das Schicksal hatte es nicht gut mit ihm gemeint und erdreistete sich nun, ihn auch noch dafür zu verhöhnen.

Der Bursche hatte ihn längst mühelos überholt und sich daran gemacht, seinen Karren die steile Straße auf der anderen Seite hinunterzuschieben. Das grelle Sonnenlicht zwang Charalambos, die Augen zusammen zu kneifen. Plötzlich verschwand Dimosthenis hinter seltsamen Bildern, die vor seinem inneren Auge aufflimmerten. Kurze Szenen von bewaffneten Reitern, die im Trab diesen Pfad passierten. Die Hufe der Pferde erzeugten gleichmäßige Geräusche, die in der kargen Landschaft verhallten.

Erschrocken riss Charalambos die Augen auf.

Die Straße war leer bis auf Dimosthenis, der übermütig mit seinem Karren spielte, indem er ihn für Sekunden freihändig den Weg herunterpoltern ließ, um ihn gerade noch wieder aufzufangen und zu bremsen, bevor er umstürzte.

Seine unschuldige, naive Freude darüber, dass es noch einmal gutgegangen war, ließ Charalambos vor Wut zittern. Die Sorglosigkeit des Jungen war unerträglich. Er konnte nicht mit ansehen, wie leicht der vor überschüssiger Energie strotzende Dimosthenis durch das Leben ging.

Der alte Mann sah auf seine Hände hinunter. Noch immer umklammerten sie mit aller Kraft die Griffe des Karrens und waren blutleer von Anstrengung und Druck.

Lass los. Lass den Wagen los, er ist zu schwer. Lass ihn einfach los, hallte es in seinem Kopf.

Was war das? Charalambos sah sich um. War noch jemand hier?

Ein Schatten verdunkelte die Sonne über ihm. Er sah nach oben. Nur ein Vogel, der vorüberflog. Nach einem Wimpernschlag kam die Sonne wieder zum Vorschein und stach ihm in die Augen. Erneut kniff Charalambos sie zusammen. Wieder traten Bilder vor sein inneres Auge. Soldaten in altertümlicher Tracht, lachend und zu Pferd. Mit gebräunter, ledriger Haut und roten Wangen, voll der Vorfreude auf ein Zuhause, das sie seit Jahren nicht gesehen hatten.

Halluzinierte er?

Lass los. Lass den Wagen los.

Die Stimme wurde drängender. Er sollte den Griff lösen, sich von der Wut erlösen, loslassen. Mit dem Wagen, das wusste Charalambos, würde er auch das Unbehagen fahren lassen, das ihm so schmerzhaft auf die Brust drückte. Wenn er den Karren einfach seinen Weg suchen ließ, konnte Gerechtigkeit eintreten.

Gerechtigkeit? Welche Gerechtigkeit, fragte sich der Alte.

Gerechtigkeit für das Unrecht, das ihm widerfahren war. Für den heimtückischen Mord, den man an ihm verübt hatte. Wenn er nur losließ, war alles gesühnt und er konnte Frieden finden.

Langsam lösten sich seine Finger von den Griffen. Charalambos ahnte, dass etwas nicht stimmen konnte. Das Unrecht, das er verfluchte, war doch nicht das seine. Es konnte nicht das seine sein, oder?

Bevor er sich gänzlich bewusst wurde, was er tat, war der Wagen bereits auf dem Weg und nahm rapide Geschwindigkeit auf, während er geradewegs auf den ahnungslosen Dimosthenis zurollte.

Der Junge schenkte dem Gepolter in seinem Rücken keine Beachtung. Er war ganz mit seiner eigenwilligen Interpretation eines alten griechischen Liedes beschäftigt.

Charalambos wollte ihn warnen, ihm zurufen, dass er zur Seite springen sollte. Doch die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Nur einen dumpfen Laut des Protestes brachte er heraus, der genügte, damit Dimosthenis sich verwundert umdrehte. Er erstarrte vor Schreck, als er die Karre auf sich zurasen sah, und benötigte eine Sekunde zu lange, um zu reagieren.

Charalambos‘ mit Schutt beladener Wagen traf ihn frontal und quetschte ihn gegen den seinen. Der Junge knickte ein, der Wagen überschlug sich und begrub ihn unter seiner Fracht.

Erschrocken und unfähig zu begreifen, was er soeben angerichtet hatte, stand Charalambos inmitten der sengenden Hitze wie festgefroren und blickte auf den mit Dreck und großen Steinbrocken überhäuften Körper. Sekunden später stürzte jemand an ihm vorbei.

»Helft, helft!«

Hastig schaufelten mehr und mehr heraneilende Arbeiter den Schutt mit bloßen Händen zur Seite.

Charalambos konnte sich nicht bewegen. Wo eben noch Zorn und Neid gewütet hatten, war nun nichts mehr als Leere und Ratlosigkeit. Weshalb nur war er so erzürnt gewesen? Warum hatte er den armen Jungen so verabscheut? Was war nur in ihn gefahren? Betäubt sah er auf seine Hände, die noch immer die Abdrücke der Karrengriffe trugen.

Warum hatte er das getan? Um Gottes willen, warum nur?

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